Westfalenpost vom 7.3.1975  

 

Ischelandhalle:Die Verborgs probten den "Aufstand"

Uraufführung von "Changes" - Lob für Chor und Orchester

 

Konzertplakat; Entwurf: Rolf Esser

(Dr. Laue) Das dritte Städt. Konzert der "Besonderen Reihe" hatte einen ganz eigenen Charakter. Auf die Monotonie der kultischen indischen Musik und den zarten Silberklang des Mittelalters folgte jetzt der überlaute Sound des modernen Rock.

Das Programm wies drei verschiedene Teile auf. Der erste gehörte dem Orchester der Stadt Hagen, der mittlere vereinigte das Sinfonie-Orchester mit der Rockband "Verborg Effector" und dem Chor, der letzte war der Band allein vorbehalten. Beginnen wir mit dem mittleren Teil, dem Herzstück des Programms.

Man hörte eine Uraufführung mit dem Titel "Changes", ein Auftragswerk, das in Zusammenarbeit zwischen Verborg Effector und Kapellmeister Hans Hofmann entstand und die drei verschiedenen Klanggruppen miteinander verband, das Orchester der Stadt Hagen, die Verborgs und einen vielköpfigen Jugendchor.

Was will diese Komposition? Die Erläuterung auf dem Programmzettel sagt es. Sie meint, dass unsere E-Musik "an erstarrten Formen kränkelt", während die Rockmusik "immer noch nicht als salonfähig gilt". Den "offenen Raum dazwischen" gelte es zu füllen.

Dazu ist zweierlei zu sagen. Wir können nicht finden, dass die ernste Musik unserer Zeit an erstarrten Formen kränkelt; wir sind der Meinung, dass das Gegenteil der Fall ist. Zum andern sollte man nicht so tun, als gehöre das Unternehmen "in der deutschen Musikszene zur Ausnahme". Vor vielen Jahren schon hörte man in einem Jugendkonzert in Hagen Rolf Liebermanns "Konzert für Jazzband und Orchester" mit dem Städt. Orchester und der Jazzband von Kurt Edelhagen. Und in den Vereinigten Staaten bemüht sich Gunther Schuller, der ehemalige Solohornist der New Yorker Met, in seiner "Third Stream Music" seit Jahrzehnten um eine Verbindung von sinfonischer und Jazzmusik, die auch in Deutschland schon gespielt wird.

Orchester, Verborg Effector und Chor gemeinsam in Aktion. Die Besucher in der Ischelandhalle waren begeistert.

 

Sei dem nun, wie ihm wolle, das Hagener Unternehmen ist zu begrüßen und aller Anerkennung wert. Was man hörte, war interessant und gekonnt. Nach einer schwungvollen Einstimmung des Orchesters ging es über ein Flötensolo und über Orgelakkorde zu den Verborgs, die sich alsbald mit dem Orchester verbanden.

Rockband und Orchester konzertierten dann miteinander nach Art des alten Concerto grosso, bald gemeinsam, bald wechselweise, bald mit Solostimmen und Einwürfen des Chors. Eine toccatahafte Improvisation der Orgel, ein längeres Sax-Solo und einige lyrische Oasen ließen aufhorchen. Der hymnische Schluss vereinigte noch einmal alle Klangelemente.

Warum nur, o Freunde, musste das alles so lautstark durch die Tonbrausen gejagt werden? Warum nur, warum? Im Schlussteil ging sogar der 150-köpfige Chor in den Klangwellen unter. Hans Hofmann stand alledem leitend vor und führte den Apparat überlegen und sicher. 

Im ersten Programmteil hatte er die Ouvertüre zu Michael Glinkas Märchenoper "Ruslan und Ludmilla" und eine Reihe von Tänzen aus Chatchaturians Gajaneh-Ballett mit schwungvollem Elan, rhythmisch brillant, nur mit zu aufdringlichem Blech und Schlagzeug musiziert.

Der letzte Teil gehörte den Verborgs allein. Waren da auch Elemente des Spirituals und des West-Coast-Jazz? Schwer zu sagen. Die vollbesetzte Ischelandhalle jedenfalls war begeistert.